kopfbild

BTX / Bildschirmtext - Informationen

Die Onlinewelt vor dem Internet

Die meisten Internetnutzer kennen eigentlich auch nur das Internet und meinen davor gab es nichts.

Aber es gab was.

Zunächst aber eine Erklärung: Wenn man von einer Zeit "vor dem Internet" spricht, ist das eigentlich nicht so ganz eindeutig. Warum? Weil die Ursprünge des Internet bis in 50er Jahre zurückgehen. Einigen wir uns aber für diesen Artikel darauf, das mit "vor dem Internet", die Zeit vor dem großen Durchbruch des Internet Mitte der 90er Jahre gemeint ist.

BTX-LogoNicht alle Angebote im Internet sind auch im Internet entstanden. Nehmen wir beispielsweise ein Grußkartenangebot wie gruesse.de. Die ersten Seiten von Gruesse.de (früher GRUESSE, GRUESSE-DE, GRUESSE-BTX) habe ich für eine ganz einfache Mailbox gestaltet, die man bereits in den 70er Jahren über ein Modem erreichen konnte. Natürlich gab es damals nicht die grafischen Möglichkeiten von heute. Die Grußkarten bestanden aus einer ganz einfachen Blockgrafik.

Mit der Zeit wurde die Grafik natürlich immer besser. Richtig groß wurde GRUESSE.DE aber erst mit Beginn des deutschen BTX (Bildschirmtext) der Post. BTX startete 1980. Auch hier gab es nur eine Art Klötzchen Grafik. Der Vorteil lag in der Verbreitung. Über ein Modem war das erste Angebot nur von maximal 5 Besuchern zu erreichen. Durch BTX konnten Tausende User gleichzeitig auf das Angebot zugreifen.

Im Vergleich zu heute, war gruesse.de jedoch noch ein winziges Angebot, mit Anfangs ca. 50 Karten. Mit der Zeit wuchs es aber im BTX auf 500 Karten an. Das damalige Kürzel (so wurden Angebote aufgerufen) war *GRUESSE#.

Auch der Ursprung von Aufrufen.de liegt bereits im BTX. Aber auch Aufrufen.de war im Vergleich zu heute dort ein winziges Angebot, obwohl es auch im BTX bereits aus vielen Bereichen bestand.

Im Einzelnen waren im BTX bereits folgende Bereiche von Aufrufen.de zu erreichen: Nachrichten, News, Grusskarten, Unterhaltungsseiten mit Witzen, die Fundialoge, die Foren und einige andere Bereichen.

Viele der damaligen Mitbewerber fanden jedoch mit ihren Angeboten nicht mehr den Weg ins Internet. Das lag hauptsächlich an der fehlenden Möglichkeit Gebühren abzurechnen. Zumindest am Anfang des Internet-Zeitalters. Im Internet erwartet der Großteil der Nutzer, das alles umsonst ist. Kaum jemand macht sich die Mühe mal zu überlegen, wie das denn auf Dauer gehen soll. Daher ist die Pleiterate im Internet auch erheblich höher als im BTX. Es fällt nur nicht so auf, durch die Massen der Anbieter.

Dafür ist im Internet auch vieles wesentlich primitiver als im BTX. Nehmen wir als Beispiel die Chats. Für viele User heute was wunderbares, und vermeintlich technisch neuste was man bieten kann.

Aber diese Meinung ist ziemlich falsch. CHAT bedeutet grob gesagt: "Unterhaltung zwischen mehreren Nutzern". Und genau das gab es schon in den 70er Jahren in vielen Mailboxen. Chats sind also eigentlich etwas uraltes. Chats gab es auch zahlreiche im BTX der Post. Allerdings waren die damaligen Nutzer mit dieser primitiven Art der Kommunikation nicht lange zufrieden. Die Anbieter mussten sich etwas neues einfallen lassen.

Zahlreiche Anbieter programmierten damals die ersten Teledialoge. Der Unterschied zu einem Chat war gravierend. In einem Chat gab es meist nur eine Seite auf der alle gleichzeitig geschrieben haben. Daher nannte man Chats auch oft Sabbelchats. Ein Teledialog war dagegen völlig anders gestaltet. Bis zu 250 User konnten einen Teledialog betreten und sich über äußerst komfortabel Einzeldialoge unterhalten. So konnten parallel 10 oder beliebig mehr Gespräche stattfinden, ohne das andere mitlesen konnten. Der Dialog war viel persönlicher. Allerdings hatten auch die Teledialoge einen Chatbereich indem wieder alle durcheinander schreiben konnten. Teilweise Party oder Konferenz genannt.

Natürlich gibt es auch heute Chats mit ähnlichen Funktionen. Meistens sind die jedoch sehr einfach und unübersichtlich.

Einer der ersten Teledialoge war damals das "Astoria". Aufgemacht als Hotel. Die Besucherzahl war jedoch sehr gering. Danach folgte das LIFE, ein Dialogsystem welches sich in einem Punkt von anderen abhob: Im Dialog fand der Besucher immer ein Pseudo vor welches sich Barbarella nannte. Dieses Pseudo war ein Computer und konnte sich auch eine sehr einfache Art und Weise mit den Besucher unterhalten.

Aber auch das LIFE brachte es nicht zu einer ansehnlichen Größe. Das schaffte erst das zu dieser Zeit bekannteste System, das Eden. Zwar waren die Methoden nicht immer fair, wenn z.B. Mitarbeiter von Eden die Gäste aus dem LIFE gelockt haben. Aber so ist die Geschäftswelt eben.

Lange Zeit war Eden die unangefochtene Nummer eins unter den Dialogen. Die Technik von Eden war für die damalige Zeit sehr gut. Der Dialog hatte sogar einen "Zeitungsbereich" mit mehreren Rubriken. Den Erfolg von Eden machte jedoch etwas anderes aus: Eden entwickelte sich sehr schnell zum Erotikdialog. Erotik zieht bekanntermaßen immer viele Gäste an. So war das auch bei Eden. Mit er Zeit bekam Eden jedoch immer mehr den Ruf eines "Schweinchensystemes", wo viele Gäste nicht mehr tickern wollten.

Neben Eden gab es am Anfang weitere kleinere Systeme, wie z.B. die "Andrea Doria", "Astoria", "Phantasia", "JOY". Aber keines dieser Systeme brachte es auf eine Größe wie Eden. Das sollte sich jedoch mal ändern.

2 Umstände machten andere Dialoge gross. Zum einen tauchten in fast allen Zeitungen plötzlich ganzseitige Anzeigen für einen neuen Dialog auf der sich "Atlantis" nannte. Man kann über Atlantis viel negatives berichten, beispielsweise wurde es mal vom Staatsanwalt geschlossen, weil die Betreiber duzende Rentner mit gleichzeitig sehr vielen Pseuden tickern ließ um eine entsprechende Größe des Dialoge vorzutäuschen.

Aber eins kann man Atlantis, der Betreiber war übrigen eine Untergruppe des Beate Uhse Konzerns, nicht absprechen: Durch die massive Werbung (Bei uns finden Sie abends bis zu 500 Teilnehmer und mehr) wurden tatsächlich immer mehr Tickerer in die Dialoge gelockt. Davon profitierten im Grunde alle Teledialoge im BTX. Da gab es nur einen Haken an der Sache: Die meisten Betreiber waren klein und mussten ihre Dialoge durch Gebühren finanzieren. Viele waren Familienbetriebe. Und dann plötzlich Atlantis, das System welches angeblich immer gratis bleiben sollte.

Hierbei muss man mal erklären, das z.B. ein Dialog wie das damalige Traumschiff im Monat bis zu 50 Tausend DM Gebühren verursachte, die an die Telekom bezahlt werden mussten.

Wenn man das weiß, sollte eigentlich auch niemand glauben, das Atlantis ewig gratis bleiben sollte. Soweit bekannt, ist Beate Uhse ja ein auf Gewinn ausgerichtetes Unternehmen und kein Wohltätigkeitverein.

Auf jeden Fall entbrannte im BTX der größte Nachtkampf zwischen Betreibern, den BTX je gesehen hatte. Zunächst nur zwischen Eden und Atlantis. Immer häufiger senkte Eden die Preise, bis eines Tages das geschah, was eigentlich unvermeidlich war: Eden entfernte auch alle Gebühren und betrieb den Dialog nun ebenfalls gratis. Beide Dialoge übertrumpften sich ständig durch die vermeintliche Größe.

Was ist damit gemeint: Bei einem Dialog im BTX sprach der User allgemein von "soundsovielen Seiten an Gästen". Ein Dialog der also 10 Seiten hatte war größer als einer mit 5 Seiten. Was geschah nun als beide gratis waren? Atlantis hatte beispielsweise 10 Seiten. Eden 5. Nun wurde Eden gratis und es begann eine wundersame Vermehrung der Kunden. Im Prinzip über Nacht hatte Eden dann 10 Seiten. Atlantis, was ja nicht nachstehen wollte, zauberte irgendwoher weitere 2 Seiten und hatte 12. Dieses Spiel ging wochenlang oder monatelang so weiter. Bis die beiden Dialog plötzlich den Anschein erweckten abends jeweils 20 Seiten und mehr zu haben.

Als Anmerkung: Die Technik des BTX gestattet aber nur maximal 255 User in einem Dialog. Auf jeden Fall waren die beiden Dialog optisch die tollsten Dialoge aller Zeiten.

Aber da waren ja noch andere Dialoge, inzwischen auch viel mehr als vorher. Dazugekommen waren das Maskerade, Oase, Village, Traumschiff, Strandoase, TREK, Phantasia und viele andere. Die meisten davon waren machtlos gegen die große Übermacht der "Giganten".

Auch das JOY, einer meiner Dialoge, war unscheinbar gegen die Beiden. Auch war das JOY damals kein Erotiksystem.

Bei näherem Hinsehen viel jedoch folgendes auf: Das JOY, ein winziger Dialog hatte teilweise mehr Einträge in den Foren und Zeitungen als die beiden großen, die ja mindestens 10x grösser erschienen. Irgendwas stimmte da nicht. Sind die JOY-Gäste alles gute Schreiber und die der anderen Dialog haben alle keine Lust zu schreiben? Sehr unwahrscheinlich. Und dann die vermeintliche Größe, die technisch gar nicht möglich war.

Da Dialoge ohne Erotik keinerlei Chance hatten gegen die beiden Großen anzukommen, wurde aus dem JOY letztendlich auch ein Erotiksystem um das Überleben zu sichern. Gleichzeitig änderte das JOY die Gebühren. Anstatt der bisherigen 14 Pfennig pro Mitteilung kostete es dann 10Pf/Minute ein. Von viele wurde das JOY nur belächelt, ja für verrückt gehalten, mit 10Pf/Min gegen Gratisdialoge antreten zu wollen.

Das JOY entwickelte sich jedoch rasch zum Dialog mit Niveau. Trotz der Erotik. Es wurde Spiele abgehalten, die Gäste äußerst fair behandelt usw. Langsam aber sicher entwickelte sich das JOY und wurde ebenfalls immer grösser. Langsam aber sicher kamen immer mehr Gäste ins JOY. Gäste die bereit waren für etwas zu bezahlen, was sie woanders umsonst bekamen. Merkwürdig war jedoch: Egal wie viel Gäste mehr ins JOY kamen, die Anzahl Seiten in den beiden großen Dialogen blieb immer gleich.

Als das JOY eine stattliche Größe erreicht hatte, geschah etwas, was niemand für möglich gehalten hätte. Genau zu dem Zeitpunkt, als das Atlantis (wir erinnern uns, es versprach ja ewige Gratisdialoge) Gebühren ankündigte, führte das JOY eine Gratisphase ein. Das kleine JOY muckte plötzlich auf und wurde nur belächelt

Danach passierte eigentlich alles Schlag auf Schlag. Immer mehr Gäste kamen ins JOY, obwohl jeder Gast wusste, das die Gratisphase auch wieder zu Ende gehen würde. Aber anscheinend honorierte der Kunde Ehrlichkeit. Atlantis verlor einen Großteil seiner Gäste, Eden ging es genauso. Eine Zeit hielten beide Systeme die Seitenzahl jedoch noch krampfhaft oben. Aber man merkte im Sys das manches anders war als es schien.

Ich weiß heute nicht mehr genau wie lange das JOY gratis blieb. Ob 2 oder 6 Monate. Das spielt scheinbar auch keine Rolle mehr. Wichtig ist nur, dass das JOY es geschafft hat und aus dem Minisys ein sehr großer Dialog wurde. Atlantis versuchte danach noch mit einigen anderen Dialoge ähnliches zu wiederholen, hat es aber nie mehr geschafft. Nach einiger Zeit war Atlantis ein Dialog wie jeder andere auch. Auch Eden war wieder so wie es zu Beginn der "Schlacht" war.

Viel Wind um nichts. Nicht ganz: Der Wind gab dem JOY ordentlich Auftrieb. Einen sehr großen Auftrieb.

Fazit heute: Das JOY wäre wohl ohne Atlantis nie so groß geworden. und ohne den Machtkampf der beiden Großen erst recht nicht. Nach einiger Zeit kehrte das JOY auf seine normalen Gebühren zurück. Gäste verschwanden dann natürlich einige, aber das machte dem JOY nichts mehr aus. Es hatte bereits eine Größe erreicht wo ein paar "weglaufende" Gäste nichts mehr ausmachten.

Und spätestens da wusste man, warum die anderen Dialoge sich vorher einen so erbitterten Kampf lieferten. In dieser Branche ging es um viel Geld, um Millionen. Wie viel Umsatz die anderen nach dem Kampf noch hatten kann man nur vermuten. Das JOY ging es anscheinend sehr gut. Das JOY finanzierte damals zahlreiche kleinere Systeme. Einige hat es gekauft, andere übernommen. Teilweise mit Angestellten. Aus dem kleinen JOY war eine sehr großer Dialog geworden. Über 20 Dialoge zählten später dazu.

Durch das JOY wurde auch der Dialog Traumschiff finanziert, der sich zum größten Erotik freien Dialog im BTX entwickelte.

1-2 Jahre vor Ende des BTX gab es noch mal etwas nachdenkliches im BTX zu beobachten. Die Telekom, welche für alle Anbieter die ganze Zeit das Inkasso übernahm, kündigte an, das Inkasso einzustellen. Mit Einstellung des Inkassos konnten Anbieter nicht mehr abrechnen, es sei denn, sie bauten sich ein eigenes Inkassosystem auf. Das große Atlantis verschwand dann sehr schnell aus dem BTX. Warum sich Atlantis nicht ein eigenes Inkassosystem aufbaute, wo es doch angeblich so viele Kunden hatte, bleibt bis heute ein Rätsel.

Das JOY, welches innerhalb des Dialoges ein eigenes Inkassosystem aufbaute, blieb bis zum letzten Tag im BTX. Wobei das BTX am Schluss schon fast unheimlich war. Es waren kaum noch Anbieter vorhanden. Aus Angst vor dem großen Internet, waren die meisten bereits geflüchtet. Unverständlich, da BTX selbst für heutige Verhältnisse in gewissen Punkten eine viel bessere Technik hatte als das Internet. Das JOY verdiente ja auch bis zum letzten Tag im BTX. Naja, vielleicht hatten die Anderen einfach Geld zu viel und konnten mehr nicht unterbringen. :-)

Einen Wermutstropfen gibt es jedoch: Mit Ende des BTX endete auch die Zeit des JOY und dessen anhängenden Dialoge. Die damalige Betreiberfirma schloss mit Ende BTX ebenfalls.

Aus rein privater Initiative betreibe ich seit vielen Jahren im Internet nun wieder einige der Dialoge, die früher so beliebt waren. JOY und Traumschiff. Mit Möglichkeiten, die nie mehr ein anderer Chat angeboten hat.